SPAHN
Mein lieber Schwan
denkt dran,
hier kommt der Spahn
im Affenzahn
heran
aufrecht wie ein Pavian
mit Krawatte
gurrdigurrdan
rattattatam
der Spahn im Galopp voran
voll Elan
im Arbeitswahn
zieht die Zügel an
gleich Dschingis Kahn
omannosmann
hat der nen Heidenzahn
Mein lieber Schwan
denk dran
der Spahn
unser Medizinmann
wird bald Capitan
von ganz Aleman
dann bambambam
aus mit Merkeltran
und Baldrian im Backenzahn
Finito Blazerschlendrian
der Spahn
heiss wie Uran
will jetzt dran
und packt´s an
sprüht wie ein Wasserhahn
es geht voran
dann
mit Aleman
und Spahn
dem Capitan
mit Karacho
auf der Autobahn.
Mein lieber Schwan
denk dran
der Spahn
haut Plan um Plan
und Zahn und Zahn
heraus
hebt Spahn um Spahn
ab
o sanasan
o sanasan
fegt durch wie Hurrikan
weg mit dem alten Kram
boxt frei die Bahn
trommelt der Span
wie ein Orang Utan
mach die Funzeln an
mein lieber Herr Dekan
spendet eure Organ
sonst macht der Spahn
den Geldhahn
zu – und schließt die
Bummelbahn
des ehrenwerten Mediclans
Mein lieber Schwan
heran heran
wer zahlen kann
dann gibts Gold
statt Amalgam
und Porzellan
im Eiterzahn
inklusive
Citalopram
fass an fass an
Escitalopram
bringt dich auf Vordermann
heran heran
ob Scheich
Patriarch oder Sultan
wer zahlen kann
stets willkommen dann
in Aleman
Mein lieber Schwan
der Span
schafft an
fliegt nach Mexican
lockt Pfleger an
aus Yucatan
hör zu du Mexican
Du wirst jetzt bald Kumpan
von Aleman
und Alban
und Hebamm aus
Tadschikistan
fass an, fass an
lass Kind und Mann
in Yucatan
fang ein neues Leben an
dann gehts voran
in Klinik Aleman
zum Trost gibt’s Ballermann
in Malle taram taram
(Pflegerin)
Mein lieber Spahn
schau Dir meinen Schichtplan an
ich Mexican
hetz den Gang
entlang,
entlang
dem Bettenband
wie am Fließband
auf und ab
nie geruhsam
nie spontan
kein Ort wo ich mal
Lächeln kann
oder weinen
nur dann und wann
wenn ich nicht mehr kann
bleib ich kurz stehen
schau mir Fotos an
von Kind und Mann
hab Sehnsucht nach
Essen und Wärme in Yucatan
dann
trösten mich
meine Cumpan
die Alban
die Schwestern
aus Tadschikistan
und Pakistan
und Härtsfeldhaus-an
wir schauen uns an
packt endlich an
rufts da schon wieder
von nebenan
wir ziehen doch alle
an einem Strang?
Oder?
Noch ist ungeahnt
viel Luft nach oben
fasset an
die Reform wird
langsam
wirksam
solange gilt
der alte Schicht- und Schlachtplan
denk dran
wir sind klam
und niemals ist genug getan!
Niemals ist genug getan!
Also fass an fass an
Mein lieber Schwan
was schreibt der Spahn
nicht alles
auf Instagram
setzt um
schafft an
voll Tatendrang
doch denkt der Mann
an uns
die Mexican?
die Aleman
die Schwestern aus Tadschikistan
und Pakistan
mir schwahnt
mir schwahnt
der Spahn
hat einen Plan
ich ahns
mein lieber Schwan …
dann geh ich zurück
zu Kind und Mann
nach Yucatan
adios
du schönes Aleman
du reiches Aleman
du armes Aleman
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IRMELA
Ich hob meinen Kopf
aufgeschreckt durch ein rätselhaftes Geräusch
als ob jemand - ganz in meiner Nähe
mit einem metallenen Gegenstand
an einem Heizungsrohr auf und ab fuhr
in schnellen Bewegungen
ruckartig zuweilen
immer wieder verstummt das Geräusch
und kehrt nach einem kurzen Moment wieder zurück
kritsch, kratsch, kritsch, kratsch
unablässig nun, immer hektischer …
Das Kratzen musste von draußen kommen
Ich stand auf, beugte mich zum Fenster
und direkt unterhalb meines Fensters
bemerkte ich eine offensichtlich ältere Frau
mit einem Rucksack auf dem Rücken
und einer Spachtel in der Hand
wie sie sich an dem Stoppschild vor dem Hauseingang zu schaffen machte
dann mit einem mal inne hielt
ein paar klebrige Fetzen an ihren Fingern
ich sah es genau
die sie sorgsam samt ihrer Spachtel in ihrem Rucksack verbarg
ohne sich um die Blicke der Passanten zu kümmern,
Sie schien zufrieden
setzte sich den Rucksack auf
erneut ging sie rund um das Verkehrsschild
als ob sie es noch einmal kontrollieren müsste
konzentriert ließ sie ihren Blick an der Stange hochgleiten,
so dass ich für einen Moment ihr Gesicht erkennen konnte
nun wandte sie sich der Rückseite des Schildes zu,
um sich schließlich gemächlich in Bewegung zu setzen.
Sie schien unschlüssig zu sein
welche Richtung sie nehmen sollte
bog dann aber eiligst
als ob irgendetwas ihre Aufmerksamkeit geweckt hätte
in einen Hauseingang
setzte sich den Rucksack ab
wühlte darin
zog eine Sprühdose heraus
die sie energisch zu schütteln begann.
Seltsame Menschen gibt es
dachte ich bei mir. Seltsame Menschen.
Später trat ich vor die Haustür.
Statt in meinem Kopf die Erledigungen zu sortieren,
hielt ich vor dem Stoppschild inne.
Erst jetzt fiel mir auf, dass auf dem Rohr
ein Sammelsurium an Aufklebern angebracht war
die meisten auf Augenhöhe
so dass man die Botschaften im Vorbeigehen wahrnehmen konnte
Ich schmunzelte
denn als erstes stach mir der Aufkleber eines Cafés ins Auge:
„Das Gähnen ist nur ein stummer Schrei nach Kaffee …“
diesen und alle anderen hatte die seltsame Frau belassen,
sie musste also einen bestimmten Aufkleber entfernt haben,
ich konnte genau die Leerstelle sehen
an der sie mit der Spachtel geschabt hatte
die Reste des Klebers waren auf dem Metall noch erkennbar.
Ich rätselte, bemühte mich um eine Erklärung
fixierte die Leerstelle
ging näher ran
und konnte mir doch keinen Reim darauf machen …
ging die Straße hinab
warf einen flüchtigen Blick in den Hauseingang,
vor dem die Unbekannte so energisch die Sprühdose geschüttelt hatte
ja, unübersehbar war sie zu erkennen– die frische Farbe an der Wand
ein grelles Rot
direkt unter den Briefkästen
sorgfältige Schnörkel, angedeutete Blumen, Striche, Linien
erst jetzt fiel mir auf, dass das mal ein Hakenkreuz gewesen sein musste,
kaum mehr als solches erkennbar.
Aha,
die Frau entfernt oder übersprüht wohl Nazi-Botschaften kombinierte ich
und tatsächlich sah ich sie wenig später wieder mit der Spachtel in der Hand,
Reste eines abgeschabten Aufklebers sorgfältig zusammenpuzzeln.
Neben mir tauchte plötzlich eine Gestalt auf und rief spöttisch in Richtung der Frau:
„Na Irmela, wieder auf Patrouille“
Irmela heißt sie also - die Frau musste hier bekannt sein
warum dieser Spott in der Stimme
mir wurde unheimlich und
statt gedankenverloren weiterzugehen
ging ich hellwach weiter,
musterte die Stellen, an denen Aufkleber oder Sticker oder Spuckies angebracht waren.
Witzige, kreative, ausgebleichte waren darunter, manche durch die Witterung unentzifferbar geworden, Werbung, wer hat meinen Kater gesehen;
Unverholen dazwischengequetscht: Patrioten Propaganda, das hier ist unser Viertel, Nazikiez, Festung Europa erwache, Refugees not welcome, Antisemitische Schmierereien, sexistische Machosprüche, und immer wieder Hakenkreuze.
Sie sind schon überall, überkam es mich.
Zurück zu Hause machte ich mich auf die Suche nach Irmela.
Ich fand sie sofort im Netz,
erkannte ihr Gesicht
die „Sprayer Oma“ wird sie liebevoll genannt
beseitigt seit 30 Jahren Hass- und Hetzbotschaften.
Hat dafür das Bundesverdienstkreuz erhalten.
Die Staatsanwaltschaft ermittelte immer wieder gegen sie,
erst im vergangenen Oktober in vier Fällen wegen Sachbeschädigung.
Der Tatbestand, so der § 303 Strafgesetzbuch, verlangt eine nicht nur unerhebliche
Veränderung des Erscheinungsbildes einer Sache.
eine nicht nur unerhebliche …
bisher wurden die Verfahren eingestellt.
Irgendwann wurde sie fotografiert,
nun sollte sie eine Geldbuße von 500 Euro an eine gemeinnützige Einrichtung zahlen
sie weigerte sich.
Sachbeschädigung sei das, was andere an menschenverachtenden Botschaften mit grellen Farben an die Wand sprühten – aber eben nachts, heimlich, anonym, feige, von niemandem fotografiert.
Der Richter bot einen Kompromiss von 300 Euro an
sie weigerte sich – sie wird in Berufung gehen.
Irmela ist 73 Jahre alt.
Sie geht durch die Städte, durch die Quartiere und kratzt und sprüht.
80 000 Sticker und Aufkleber hat sie in all den Jahren entfernt.
Da beschloss Ich: ich werde mir eine Spachtel kaufen, sofort.
ja: Ich werde mir eine Spachtel kaufen
und mein Kiez frei kratzen.
Ich werde nie mehr ohne Spachtel aus dem Haus gehen …
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VON AFFEN UND MENSCHENAFFEN
Ich habs gewusst. Ich hab´s wirklich gewusst. Ja … tief in meinem Inneren brodelte so eine Vorahnung, irrlichterte durch meine Träume und seit Udos Geburtstag - Udo Lindenbergs 70. Geburtstag – endlich ist es ans Tageslicht gekommen!
An diesem Tag wurde im Allgäu, unter würzigen Braunviehfladen gebettet der Unterkiefer eines menschenartigen Wesens gefunden, der kein Affe war. Satte 12 Millionen Jahre alt, für sein Alter beachtlich gut erhalten, feines Kerlchen.
Man taufte diesen Urmenschen umgehend „Udo“, weil der Udo, hab ich ja schon gesagt 70 geworden …
Endlich, erst neulich fand man die passenden Unterarme dazu, lange Dinger, dazu allerhand Knöchelchen, eine Serie funktionell wichtiger Gelenke, die Rückschlüsse auf Udos Verhalten zuließen:
Udo – so die ergriffenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler - kombinierte auf geniale Weise die von den hinteren Gliedmaßen dominierte Zweibeinigkeit mit dem von den vorderen Gliedmaßen dominierten Klettern. Eindeutig also ein Mensch. Ganz nebenbei: Udo hatte X-Beine.
Und jetzt – passt mal schön auf - der Clou: Bisher ging man davon aus, dass der Mensch vom Affen abstammt. Von Bonobos und Schimpansen. Und aus Afrika stammt.
Seit Udos Erscheinen steht die bisherige Annahme für die wissenschaftliche Comunity ernsthaft in Frage. Es wird ernsthaft diskutiert, ob es nicht genau u m g e k e h r t ist. Dass nämlich der Affe erstens vom Menschen abstammt. Zweitens, dass der Mensch zweitens gar nicht aus Afrika stammt, sondern aus den bayerischen Auenwäldern wo er friedlich herumsöderte um sich fortan in eine Affenlinie und eine Menschenlinie aufzuspalten. Ist diese Vorstellung nicht krass?
Der Affe soll also eine W e i t e r e n t w i c k l u n g seiner Vorfahren, der Menschen mit ihren großen Hirnen und ihren X-Beinen sein. Ein Wesen, das sich auf das Wesentliche und Wichtige besann. Im Unterschied zu seinen Vorfahren, der Menschen, ist er ein Wesen mit ausgewogener, veganer Ernährung, jeder Tag ein veggie-day, äußerst naturverbunden, ausgeglichen, probiotisch, keine Hüftgold, kein Eismann, beweglich und biegsam bis ins hohe Alter, tadellose Faszien besser noch als Mickey Mouse, kein Burnout,
keine Depression, keine Allergien, keine Impfpflicht, keine spätrömische Dekadenz. Der ökologische Fußabdruck – sensationell und vorbildlich, keine Pflegeversicherung im Alter, immer zeitgemäß und klimaneutral gekleidet, die Sprache fein nuanciert und reduziert auf das Wesentliche, stundenlanges zenartiges Schweigen hoch oben in den Bäumen als Alternative zur geschwätzigen Lüge am Boden, das soziale Band eng, kein Mietwucher auf den Ästen, kein religiöser Fanatismus, keine Doppelmoral, kein Rassismus, kein Brexit, kein Megxit – wie geil - keine Feuerbestattung, keine Zulassungsstelle kein Versorgungsamt, kein Ausgleichsamt, kein Audit und: k e i n e T o G o B e c h e r, keine Klospülung und keine K e h r w o c h e, gegenseitiges Erkennen seiner Sippschaft ohne biometrisches Passbild, ausgezeichente Orientierung im Wald ohne App und GPS, kurz gesagt: eine geniale Gattung.
Freilich, hin und wieder dringt auch beim Affen das Menschige durch. Ein Rest von Boris Johnson steckt immer noch in seinen Genen, asoziales, aggressives Verhalten, Täuschungsmanöver, Lüge, Intrige, Machtgeilheit … all das, was halt die Menschigen als ihre hohe Zivilisation bezeichnen.
Der Affe hat keine Zivilisation aber verhält sich im Unterschied zu Menschigen sehr zivilisiert. Er kennt keine moralischen Debatten, aber er handelt moralisch. Er weiß nicht, was Freiheit ist, aber er ist frei … wenn die Menschigen ihm die Freiheit lassen. Der Affe also tatsächlich eine Weiterentwicklung des zivilisierten Menschen?
Ich stell mir vor, wie die Affen auf ihre Vorfahren, auf uns Menschige schauen und wie sie sich, wenn es mal Stress in der Gruppe gibt, gegenseitig böse anraunen: „Hör auf mit diesem Menschenzirkus, benimm Dich wie ein Affe, ja wie ein Affe, sei nicht so menschig, so furchtbar menschig!“
Freilich Leute, ich tu mir schwer mit dieser Vorstellung. Ich mag doch das Menschige an mir, an euch, dass wir reden können und poetisieren und protestieren, dass wir uns verständigen können, Kathedralen bauen, dass wir Geschichten haben und Geschichten erzählen, dazu Musik machen, Rotwein trinken.
Ich mein ja schon, dass wir Menschige eigentlich schon cool sein können … sehr cool … sogar zivilisiert, aber würde ein Planet der Affen vielleicht besser funktionieren? Denn die würden niemals auf die Idee kommen, ihren Urwald abzufackeln, nur dass einer der Affen eine Krawatte tragen kann.
Der Planet der Affen – manche erinnern sich an den Film aus den 70 ern. Er spielt im Jahr 3993 oder so. Unsere Phantasie reicht allemal soweit, dass wir uns beängstigt düster ausmalen, wie es wäre wenn Horden von Affen mit bösen Blicken und martialischem Gehabe auf der Erde hausen, weit grausamer als wenn wir Menschige … Die Vorstellung ist doch nun wirklich affig!
Ach Udo, Du hast mein Weltbild zerstört. Ich hasse Dich, Deinen Unterkiefer und Deine X-Beine. Wehe es taucht noch ein Kumpel von Dir auf womöglich mit einer Brezel in der Hand, dann … weiß ich auch nicht mehr weiter
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ZEIT ABSCHAFFEN
Ich konnte nicht glauben, was ich eben mit eigenen Augen gelesen hatte: Eine kleine norwegische Insel hat die Zeit abgeschafft.
Wie das denn? Sicher kann man die Zeit als solche nicht abschaffen. Das weiß jedes Kind. Aber man kann zweifellos der Unterwerfung der Menschheit unter dem Diktat der Sekunden-, Minuten- und Stundenzeiger den Garaus machen.
Und genau das haben die kernigen, kälteerprobten Zeitgenossen da oben unter dem Polarkreis beschlossen. Was für Typen! Ihre ausgedienten Uhren hängten sie demonstrativ, gut sichtbar in Reih und Glied an Geländer und Zäune. Zweckfreier Schmuck wie Trophäen an Scheunentoren und Bushaltestellen. Unwirkliche, bizarre Bilder, die mich elektrisierten.
„Da muss ich hin!“ beschloss ich in dieser Sekunde. Freilich wurde mir bewusst, dass „Sekunde“ künftig ein fragwürdiges Wort sein wird, weil Sekunden in einer von der Zeit befreiten Zukunft keine Bedeutung mehr haben werden.
Für einen kurzen Moment spürte ich durchaus eine gewisse Beklemmung. Ich fragte mich, wie die da oben am Polarkreis das so ganz ohne Uhr geregelt bekommen. Wie sollte ich da hin kommen so ganz ohne Uhr … einen Tisch reservieren in meiner Pizzeria … daran musste ich mich erst mal gewöhnen!
Ich überflog den Artikel … eine Insel mit knapp 400 Einwohnern … hhm … Ankunft und Abfahrt der Fähre jeden Tag etwa um die gleiche Zeit … das Horn der nahenden Fähre … als grobe Orientierung … unüberhörbar der Ruf … Go ahead … go ahead … die Insel in der Nähe des Polarkreises … im Sommer hell … im Winter duster … natürlicher Rhythmus der Gezeiten … Ebbe, Flut, verlässliche Struktur … Fischer keine Uhr, wissen wo Schwärme, Schafe melden sich, wenn Hunger … Schulen – Unterrichtsbeginn mit einer Glocke … Geil: Kein Eintrag mehr ins Klassenbuch wegen Zuspätkommen dachte ich mir … für Pünktlichkeitsfanatiker sicherlich ein Schlag in die Magengrube … Die Menschen dort … neue Lebensqualität … das Zeitalter ohne Uhren wird der Anfang … Epoche der Freiheit … musste man sich erst mal daran gewöhnen … auf den eigenen Körper hören, auf die Rhythmen der Natur … keine Depressionen mehr … Psychologen haben herausgefunden … Hundertausende von Jahren bis weit in die Neuzeit … Menschen auf diesem Planeten … problemlos ohne Uhrzeit hingekriegt … ein Phänomen der Moderne …
Entsprechend erregt war das Echo auf diese Meldung, in vielen renommierten Blättern wurde die Nachricht w e l t w e i t eifrig und zuweilen kontrovers diskutiert.
Während ich das überflog, begann ich mich so richtig hineinzuversenken. Ich sah sie direkt vor mir, die Insel, all die sympathischen, freiheitsliebenden Leute unter dem Polarkreis, die Girlanden von abgehängten Uhren. Ich würde meine daneben aufhängen, dann das Bild allen Freundinnen und Freunden posten. Endlich zeitlos! Was für ein Gefühl.
Die Sache hatte allerdings, wie ich wenig später las, einen kleinen Haken. So wie alles im Leben eben einen Haken hat: Die Nachricht war ein Fake. Frei erfunden. Ausgeheckt von einer Werbeagentur, mit dem Ziel, die Gegend am Polarkreis attraktiver für Touristen zu machen.
Verdammt noch mal. Ich erstarrte. Das Ganze, was ich mir bis gerade eben noch so schön ausgemalt hatte, sollte eine Lüge sein? Sollte wirklich eine Lüge sein? Ein Fake? Eine Erfindung?
Nein, aber das konnte ich so nicht zulassen. Eine so packende, eine so ergreifende Geschichte kann niemals eine Lüge sein. Wer zum Teufel hat diesen elenden Trick gewagt, diese Geschichte zur Lüge herabzuwürdigen?
Jetzt gibt es da endlich eine Idee gegen den Mainstream, die geeignet ist, die Menschheit wieder näher an den harmonischen Urzustand zu rücken, den Alltag, das Miteinander grundlegend anders zu gestalten, um dann das Zeitalter des Wassermann doch noch wahr werden zu lassen.
Ich spürte regelrecht, wie in mir ein Schalter umgelegt wurde. Zorn stieg aus meinem Inneren auf. Ne Leute, so einfach lasse ich mir dieses sensationelle Ereignis nicht aus meinem Kopf amputieren. Von niemand. Ich stand immer auf der Seite der nicht Angepassten. Auf der Seite der Utopisten. Auf der Seite der Experimentierfreudigen. Hat sich jemand von denen, die die Abschaffung der Zeit in den Medien erst als Tatsache verkaufen und wenig später dann als Lüge brandmarken, mal die Mühe gemacht selbst da hoch an den Polarkreis zu fahren und das vor Ort zu checken?
Oder ist es einfach so, dass es da Leute gibt, die die Abschaffung der Zeit schlichtweg nicht ertragen. Denn dann würde es keinen Sinn mehr machen, ihre protzige Rolex spazieren zu tragen. Oder haben die ergebenen Agenten des Kapitalismus – ich musste ein bisschen aufpassen, denn ich kam echt in Rage - etwas dagegen, dass die Menschheit nicht mehr unter der Knechtschaft der Stechuhr hin- und hergetrieben werden will wie eine Schafherde, in Schichtmodelle gezwängt, von denen sie krank werden …
Ich sehe es genau vor mir: Dem Establishment passt das nicht. Die da oben brauchen die Stechuhr. Eine Uhr, die sticht. Ohne stechende Uhr, ohne Sekunden und Millisekunden gibt es keine Macht. Und natürlich haben die gleich kapiert, dass da was Grundsätzliches ins Wanken kommt, auch wenn es nur eine kleine Insel sein mag. Sie mussten – ja so muss es gewesen sein - tätig werden, die Presse anwerfen, die medialen Kanäle füttern, das Ganze als Lüge abtun, eine beispiellose Gegenkampagne starten.
Aber ihr erwischt mich nicht. Ich lass mich nicht anschmieren von euch. So läuft das nicht. In meiner Klinik wurde jahrelang behauptet, eine Servicegesellschaft sei wesentlich billiger. Dann wurde nochmal gerechnet und dann kam raus, die Servicegesellschaft sei doch teurer. Und das ist nur ein Beispiel.
Ob es euch gefällt oder nicht: Ich lass mich nicht von Euren Fakten beeindrucken, die allzu durchschaubar eine Lüge sind. Ich glaube fest an die Menschen auf der Insel! Sie haben ein gesellschaftliches Experiment gewagt, sie haben den Keim gelegt für eine neue, freie Gesellschaft, fürwahr … was für Leute …
… aber jetzt muss ich auf den Bahnhof und hoffe inständig, dass Go Ahead pünktlich kommt, sonst ist meine Planung völlig … was für eine grandiose Insel …
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CUM CUM